Eva Roemer
Eine Meisterin des Farbholzschnitts

Ausstellungstexte

Kindheit und Familie
Eva Cécile Emmy Roemer wurde am 17. Juli 1889 in Berlin geboren. Sie war das zweite Kind ihrer Eltern, Fanny und Bernhard Roemer. Die Kunst lag bereits in der Familie. Der Vater war Bildhauer und Dozent an der Königlich Technischen Hochschule in Berlin, die musisch begabte Mutter war eine Enkelin der Komponistin Fanny Hensel, der Schwester von Felix Mendelssohn Bartholdy. Roemer war noch keine zwei Jahre alt, als beide Eltern kurz nacheinander verstarben. Gemeinsam mit ihrer Schwester Ilse wurde sie zunächst von den Großeltern aufgenommen und wuchs später in der Familie ihrer Tante auf. Elisabeth du Bois-Reymond, genannt Lili, war ebenfalls eine geborene Hensel. Sie pflegte einen großen Freundeskreis, dem auch zahlreiche Künstlerinnen und Künstler angehörten. Eva und Ilse lebten gemeinsam mit den fünf leiblichen Kindern der Familie in einem wohlhabenden und gebildeten Umfeld in Berlin und Potsdam.

Ausbildung zur Künstlerin
In Skizzenbüchern aus ihrer Jugendzeitzeigt sich früh Eva Roemers Talent für Zeichnung und Malerei. Eine akademische Ausbildung war ihr jedoch nicht möglich. Die deutschen Kunstakademien ließen erst nach dem Ende des Kaiserreichs Frauen zum Studium zu. So erhielt die werdende Künstlerin zunächst Privatunterricht. Karl Hagemeister aus Werder an der Havel war wohl einer ihrer prägendsten Lehrer. Mit ihm verband sie die Liebe zum Wasser als Bildmotiv. Vergleichsweise früh gelangte Roemer schließlich doch in die Nähe einer akademischen Ausbildung. Ab 1907 ließ die Staatliche Kunstgewerbeschule Hamburg Frauen als „Hospitantinnen“ zu. Roemer besuchte den Unterricht des Monumentalmalers Willy von Beckenrath. Ihre eigenen Werke bleiben still und zurückhaltend. Bedeutsam wurde vor allem eine erlernte Technik: der Holzschnitt und in der Folge der kompliziertere Farbholzschnitt,
für den mehrere Druckstöcke benötigt werden. Nach der Ausbildung zog Roemer nach Göttingen zu ihrer Tante Cécile Leo. Auch sie war eine geborene Hensel und ebenso begabt wie vernetzt in der Kunst. Nicht zuletzt durch diese Tante erzielte Roemer erste künstlerische Erfolge. Sie nahm regelmäßig an Ausstellungen teil und verkaufte erste Werke.

Liebe und Leben
Die Familie von Eva Roemer war groß und weit verzweigt. Nach dem frühen Verlust der Eltern, waren Verwandte für sie ein wichtiger Halt. Sie reiste zu Besuchen durch ganz Deutschland, auch zu ihrer Großtante Elisabeth Mendelsohn Bartholdy nach Königsfeld im Schwarzwald. Der Ehemann der Tante war früh verstorben. Das Haus in Königsfeld aber geräumig und sehr lebendig, zehn Kinder hatte die Tante hier großgezogen. Das zweitjüngste dieser Kinder war Martha. Während der Leiden und Entbehrungen, die der erste Weltkrieg brachte, entwickelte sich zwischen den gleichaltrigen Frauen eine innige Verbindung. Ohne einen Namen zu nennen schrieb Roemer in ihrem Tagebuch von einem „liebsten Menschen“
in Königsfeld. Die jungen Frauen näherten sich einander an und gingen zusammen auf Reisen. Sie waren in ihren 30ern als die Nähe zu einer Partnerschaft wurde, die für den Rest ihres gemeinsamen Lebens hielt. Zurückhaltend und doch ohne sich zu verstecken lebten sie ihre Liebe und Lebensgemeinschaft. In den 1920er Jahren zogen sie an den Starnberger See. Gemeinsam bauten sie sich in Kempfenhausen ein Haus nach eigenen Plänen, zwischen Wiesen und Hügeln, mit Blick auf den See. Gemeinsam durchlebten Sie auch die Zeit des Nationalsozialismus – zwei Frauen mit Wurzeln in einer der bekanntesten jüdischen Familien Deutschlands.

Heimat und Nationalsozialismus
Ob Eva Roemer und ihre Partnerin während der NS-Diktatur verfolgt wurden ist ungeklärt. Tatsächlich hätten sie wohl nach der menschenverachtenden Gesetzgebung des Regimes als jüdisch gegolten. Damit noch nicht genug, war der Name Mendelssohn Bartholdy besonders prominent. Die Musik des Komponisten Felix Mendelssohn Bartholdy wurde von den Nazis als „entartet“ gebrandmarkt und sein Denkmal in Leipzig niedergerissen. Die beiden Frauen aber lebten vergleichsweise ruhig. Mit Geld aus der Familie konnten sie sich 1935 in Kempfenhausen ein Haus bauen. Roemer führt ein Glück ausstrahlendes Bautagebuch dazu. Doch der Starnberger See war alles andere als ein Versteck während der NS-Zeit. Zahlreiche Funktionäre besaßen Häuser rund um den See, einer der prominentesten, Wilhelm Frick, sogar in der unmittelbaren Nachbarschaft. Vom NS-Bürgermeister der Gemeinde ist eine Notiz erhalten, in der er das Paar an die Einreichung sogenannter Ariernachweise erinnert. Ein solches Dokument liegt für Roemer tatsächlich vor. Eine Eintragung darin ist mit
Bleistift vorgenommen und als nicht abschließend geklärt markiert. Weiter gibt es Berichte darüber, dass die Frauen Unterstützung und Lebensmittel aus der Nachbarschaft erhielten. Ob sie unmittelbar gefährdet waren oder ob sie vielleicht geschützt wurden ist nicht bekannt.

Alter und Werk
Bei Kriegsende war Eva Roemer 55 Jahre alt. Noch immer lebte sie in Kempfenhausen. Sie begann wieder intensiver mit ihrer künstlerischen Arbeit. Ein großer Teil ihres Werks war bereits in den 1920er und 1930er Jahren entstanden. Ihren Lebensunterhalt durch die Kunst zu bestreiten blieb schwer. Im Versuch Geld mit ihrem Handwerk zu verdienen entstanden
Illustrationen, Entwürfe für Werbebilder und eine Reihe von Postkartenmotiven. Die illustrierten Velhagen und Klasings Monatshefte stellten in zwei Artikeln 1952 und 1953 die Künstlerin vor. Ihre Partnerin trug durch Klavierunterricht zum Haushaltseinkommen bei. Im Jahr 1963 zogen sie gemeinsam in ein Seniorenheim nach Partenkirchen. Martha Mendelssohn Bartholdy verstarb zwei Jahre später. Eva Roemer überlebte sie um 12 Jahre. Sie starb am 11. Oktober 1977 in Partenkirchen.