Heinz Butz
Ein stiller Avantgardist in Oberbayern

Ausstellungstexte

Was macht dieses Lebenswerk so bedeutsam? 

Heinz Butz war weder Malerfürst noch Revolutionär, sondern ein stiller Avantgardist, der konzentriert weiterentwickelte, was er in der Vergangenheit und in seiner Lebenswelt vorfand. Dabei strebte er nach Genauigkeit und Feingefühl statt nach Umsturz oder Glanz. Sein künstlerischer Ausdruck war leise und doch voller Kraft und Selbstbewusstsein. Oft schien er seiner Zeit voraus, gerade weil er abseits der Stile und Bewegungen seiner Epoche arbeitete. So fand und ging er einen eigenen Weg und erschuf einen ebenso verwobenen wie offenen Werkkosmos, der wichtige Entwicklungen der Kunstgeschichte vorbereitete, weiterführte oder gar vorwegnahm.

Alle Kunst kommt – ganz besonders bei Butz – aus dem Leben und Erleben. Er selbst hat diese Verbindung sehr prägnant mit den Worten formuliert: „Pflanzen brauchen Erde“. Es braucht also einen Blick auf die Biografie, aus der seine Kunst gewachsen ist. Im Dezember 1925 im schwäbischen Dillingen geboren, wurde Butz mit gerade 18 Jahren in den Zweiten Weltkrieg geworfen. Er erlebte die Grausamkeit des Krieges und dessen Ende an der Ostfront, geriet in sowjetische Gefangenschaft und in ein Arbeitslager. Ein Jahr später kehrte er nach Deutschland zurück. 

Um seinen Erfahrungen in Faschismus, Krieg und Gefangenschaft etwas entgegenzusetzen, wandte er sich der Natur und der Kunst zu. Er studierte an der Kunstschule Augsburg und an der Akademie der Bildenden Künste in München. An beide kehrte er später als Lehrer zurück. Mit Leidenschaft und Konzentration erschloss sich Butz Zeichnung und Malerei. Unzählige Skizzenbücher füllte er mit Naturstudien, übte sich an der Wiedergabe des Sehens und Empfindens. In seinen ersten Gemälden erprobte der Künstler um 1950 dieses für ihn neue und doch bereits Jahrhunderte alte Feld. Zehn Jahre später war seine künstlerische Sprache ausgereift und Butz entwickelte für sich eine eigene, formal strenge und zugleich offene Malerei aus den Grundelementen Linie, Form und Farbe. Damit hatte er das Zentrum seines künstlerischen Ausdrucks gesetzt und begann auf heitere und fantasievolle Weise, dessen Möglichkeiten zu erforschen. In den folgenden Jahrzehnten erschuf Butz auf diese Weise einen Werkkosmos, der sich mühelos jeder Einordnung widersetzt. Dazu gehören Bilder auf Leinwand ebenso wie als sogenannte Bildobjekte freigestellte Formen im Raum oder schließlich Skulpturen aus Fundstücken. Gemeinsam ist ihnen, dass sie uns unmittelbar gegenüberstehen, nicht als gegenständliches Abbild, sondern als abstrakte Form, als energiegeladenes Objekt – und dann doch zugleich als Bild mit einer Komposition, einer Harmonie und Spannung, vielleicht sogar einem Motiv. In dieser feinen Balance von Kräften liegt die Meisterschaft von Heinz Butz, dem es gelang, sein waches und sensibles Empfinden tatsächlich in Werke umzusetzen und mit diesen wiederum Empfinden zu erzeugen, ganz ohne den Umweg über das erkennbare Abbild. Ein Bild ist bei ihm nicht mehr nur Vermittler eines Sinns oder Inhalts, es ist selbst der Sinn und Inhalt seiner Kunst.

Diese Ausstellung besteht aus zwei Teilen. Im Erdgeschoss wird das Lebenswerk des Künstlers einführend vorgestellt. Im Untergeschoß ist der Kosmos aus Bezügen zwischen einzelnen Werken herausgestellt.

Natur
Nach seiner Rückkehr aus der sowjetischen Kriegsgefangenschaft wurde Heinz Butz Mitglied in der Botanischen Gesellschaft, einem Verein für Naturforschung, noch bevor er ein Kunststudium begann. In der Natur fand er Halt nach dem Grauen von Faschismus und Krieg und eine Ordnung inmitten des Chaos der Nachkriegszeit. So begann sein Schaffen mit dem Blick auf die Natur und entwickelte sich an ihr entlang. Landschaften, Gebirgszüge und auch Fundstücke übernahm Butz in seine Kunst, um sie aufzulösen und in seinen Werken wieder neu zusammenzusetzen. So taucht z. B. der Mond bereits in ersten Stadtansichten auf und kehrt als schwebender Kreis immer wieder in seine Bilder zurück.

Körper
Das Aktstudium spielte für Heinz Butz eine entscheidende Rolle, sowohl in der eigenen künstlerischen Entwicklung als auch in seiner Tätigkeit als Lehrer. Formen und Bewegungen des Körpers dienten ihm als Material. Das zeigt sich deutlich in Bildern und Zeichnungen tanzender, liegender, stehender, ja sich manchmal seltsam verrenkender Körper. Auch kommt in seinen Werken wiederholt zum Vorschein, dass Butz den Körper, wie auch Landschaft und Natur, als ein aus Teilen zusammengesetztes Ganzes verstand: Körper als Konstruktionen, Kompositionen, fast wie Architektur. Besonders deutlich wird dies bei den Bildobjekten, in denen Körperdarstellungen tatsächlich in Einzelteile aufgelöst und durch Fäden wieder zusammengesetzt sind. 

Weiblich und Männlich
In Bildern und Bildobjekten von Heinz Butz erscheinen deutlich mehr weibliche als männliche Körperformen. In späteren Werken verschwimmt die Geschlechtlichkeit der Figuren ganz und es treten zunehmend neutrale Körper auf. Dass Butz weiblich gelesenen Formen den Vorzug gab, bewirkt, dass sich seine Kunst deutlich von den heldenhaften und männlichen Idealen des Faschismus abgrenzt, in dem er aufwuchs und für den er als Jugendlicher in den Krieg ziehen musste.

Abstraktion
Fast beiläufig überschreitet Heinz Butz in seinem Werk Grenzen, die in der Kunst lange als gesetzt galten. Die gegenständliche, also abbildende und die ungegenständliche, also abstrakte Kunst waren für ihn kein Gegensatz. Seine Arbeitsweise führte ihn aus seiner unmittelbaren Lebenswelt über das Abbild in die Abstraktion und wieder zurück. Beeindruckend frei bewegte sich Butz zwischen ikonografischer Erkennbarkeit und ästhetischem Formalismus – beides begegnete ihm in seiner Arbeit, beides ist Teil der Welt, beides gehört zu seinem Kosmos. 

Kosmos Heinz Butz
Neben Bildern und Zeichnungen existieren im Werk von Heinz Butz auch Objekte und, als besondere Zwischenform, Bildobjekte. Um 1950 begann Butz mit der Malerei. Es entstanden frühe Werke, in denen er stilistisch und inhaltlich für sich erprobte, was er in der Kunstgeschichte vorfand: expressive Landschaften, sachliche Stadtansichten und surreal anmutende Szenerien. In den 1960er-Jahren verließ Butz die Sicherheit der althergebrachten Bildfläche und entwickelte eine künstlerische Sprache, die weit über die rechteckige Leinwand hinausreicht. In der damit gewonnenen Offenheit wurde das Bild als traditionelles künstlerisches Medium selbst zum Thema und teils überflüssig. Als Bildobjekte stellte Butz Formen und Konstruktionen frei in den Raum statt auf eine Leinwand. In dieser neuen Dimension traten auch gefundene und zusammengefügte Objekte als Kleinskulpturen in den Werkkosmos ein. Diese sind sehr unterschiedlich – Türmchen und Figuren, Gebilde aus Dosen, Holz, Draht, Korken, einer Vielzahl an Materialien. Sie sind zusammengefügt aus Fundstücken, geschnitzt aus Holzresten, gefaltet aus altem Karton oder geformt aus Werkstattabfall. Jede von ihnen ist in zarter Schrift sauber signiert und so als Werk gekennzeichnet. In ihrer Vielgestaltigkeit und doch sichtbaren Zusammengehörigkeit, ihrer Harmonie und ihren Widersprüchen sind die Kleinskulpturen zentral im Gesamtwerk von Butz, das durchzogen ist von einem feinen Netz aus formalen Parallelen und wiederkehrenden Themen. Auf diese Weise ergibt sich eine eigene Welt, der „Kosmos“ Heinz Butz, mit dem dieser Teil der Ausstellung um die kleinen, stillen und zurückhaltenden Skulpturen im Zentrum überschrieben ist. 

Heinz Butz wurde am 2. Dezember 1925 in Dillingen an der Donau geboren. Er erlebte den zweiten Weltkrieg ab 1944 an der Ostfront, geriet in sowjetische Kriegsgefangenschaft. Nach einer Verletzung im Arbeitseinsatz kehrte er 1946 nach Deutschland zurück. Von 1948 bis 1950 studierte er an der Kunstschule der Stadt Augsburg und anschließend von 1950 bis 1956 an der Akademie der Bildenden Künste in München. 1954 kehrte er als Lehrer an die Kunstschule, später Werkkunstschule, nach Augsburg zurück. 1959 heiratete er die Malerin und Dozentin für Baugeschichte Annsi Müller. Von 1967 bis 1991 lehrte er an der Akademie der Bildenden Künste in München und war ab 1995 Mitglied der Bayerischen Akademie der Schönen Künste. Heinz Butz lebte und arbeitete in München und Oberammergau. Er verstarb am 8. August 2022 in München.