Unter Wasser
Geschichten aus der Tiefe des Starnberger Sees

Ausstellungstexte

Der Starnberger See ist einer der wasserreichsten und tiefsten Seen Deutschlands. Eingebettet zwischen bewaldeten Hügeln, mit Schlössern und historischen Villen an seinen Ufern, ist er wohl auch einer der schönsten. Die Gletscher der Eiszeit formten die Landschaft und den See, der bis zu 128 Meter tief ist. Unter der Wasseroberfläche öffnet sich eine Welt, die den meisten Menschen verschlossen bleibt, ein verborgener Raum voller Leben und Geschichte, ein Ort der Natur und der Wissenschaft. Die Ausstellung führt hinab in die dunklen Tiefen, wo zu finden ist, was an Land längst vergessen scheint. Die Geschichten erzählen vom Leben unter Wasser, von Vernetzungen und Parasiten, von verschollenen Booten und Menschen, sowie dem einzigartigen Weltkulturerbe Roseninsel.
Begleitet werden die Geschichten durch Kunstwerke von Anna Pasco Bolta und Eduardo Palomares sowie durch eine Klanginstallation von Andreas Ammer und Acid Pauli. Die Ausstellung entstand in Zusammenarbeit mit dem Institut für Fischerei der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft, der Bayerischen Gesellschaft für Unterwasserarchäologie und dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt. Gefördert vom Freundeskreis Museum Starnberger See.

Ein merkwürdiger Fisch
Seit fast 50 Jahren steht der Starnberger See unter besonderem Schutz. Die sogenannte Ramsar-Konvention, benannt nach dem Ort ihrer Unterzeichnung im Iran, weist den See seit 1976 als Feuchtgebiet von internationaler Bedeutung aus. Das liegt vor allem an der Vielfalt der Arten, die hier leben. Unzählige Kleinstlebewesen, Plankton, Schwamm- und Moostierchen, Algen, Muscheln, Krebse und schließlich Fische haben ihre Heimat im Starnberger See. Das wissenschaftliche Team des Instituts für Fischerei in Starnberg konnte zuletzt 33 Fischarten nachweisen. Zwei Arten sind aus dem Starnberger See verschwunden: die kleine Elritze und die stattliche Bachforelle. Unter den gezählten sind Lauben, Renken, Mairenken und Flussbarsche am häufigsten vertreten. 
Zwei Arten sind zwar vorhanden, aber nur durch menschliches Zutun: Karpfen und Aale wurden und werden als Jungfische im See ausgesetzt. Gerade beim Aal ist dieser sogenannte Besatz nicht unproblematisch. Der vom Aussterben bedrohte europäische Aal ist ein wundersames Tier. Er hat einen schlangenartigen, glatten Körper und wird bis zu einem Meter lang. Sein Schwanz ist mit einem Flossensaum besetzt, was ihn zu einem schnellen und geschickten Jäger macht. Anders als oft angenommen, sind Aale keine Aasfresser. Mit ihrem feinen Geruchssinn gehen sie nachts auf Beutezug nach kleinen Wassertieren, Krebsen und Fischen. Mit ungefähr 13 Jahren haben weibliche Aale und mit ungefähr 7 Jahren männliche Aale ihre volle Größe erreicht. Dann beginnt ihre Reise. Innerhalb eines Jahres wandern sie, teilweise über 5.000 Kilometer weit, in die Sargassosee, an den Ort, an dem sie geboren wurden. Nur in diesem Meeresgebiet nahe der Bermuda Inseln, in der Tiefe des atlantischen Ozeans, vermehren sich Aale. Die Jungtiere treiben mit dem Golfstrom bis an die europäischen Küsten zurück und wandern anschließend in die Binnengewässer. Seit den 1970er Jahren ist die Zahl der Aale in Europa um 98 Prozent zurückgegangen. Er ist also fast verschwunden, 
dieser merkwürdige Fisch. Gründe dafür sind der Verlust von passenden Lebensräumen, Verschmutzungen, Krankheiten und unregulierte Fischerei, aber auch die Störung der Wanderrouten. Die Aale im Starnberger See wurden alle als Jungtiere an der europäischen Atlantikküste gefangen. Den Weg zurück in ihren natürlichen Lebensraum finden sie von hier aus nicht. Sie können sich nicht vermehren und die Sicherung ihrer Art nicht unterstützen.

Ein Fischer verschwindet
Am Mittag des 5. März 1969 fuhr der erfahrene Fischer Johann Martin Bernwieser aus Ambach am Ostufer des Starnberger Sees mit seinem Motorboot auf den See hinaus, um Netze auszulegen. Es war ein Tag wie jeder andere, bis er nicht zurück-
kehrte. Gegen 15:30 Uhr wurde seine Familie unruhig. Sein Vater suchte mit einem Fernglas den See ab und entdeckte in der Ferne das Boot. Es trieb leer auf dem See. Niemand war an Bord. Da die Familie nur jenes eine Boot besaß, fuhr ein Fischer aus dem nahegelegenen Seeshaupt hinaus, um nachzusehen. Er fand das Boot verlassen vor. Der Motor stand still. Der Antriebspropeller hatte sich in einem Netz verfangen das im Wasser trieb. Auf der Rückbank lagen seine Mütze und Handschuhe, beides sorgsam abgelegt. Der Mann selbst aber blieb verschwunden. 
Eine fieberhafte Suche begann noch am selben Tag. Familie, Freunde und schließlich auch Polizeitaucher aus München forschten nach dem Verschwundenen über und unter der Wasseroberfläche. Immer wieder tauchten sie hinab in die dunkle, kalte Tiefe, suchten nach Spuren, nach irgendeinem Hinweis auf den Verbleib von Bernwieser. Doch er blieb verschwunden. Um nichts unversucht zu lassen, bauten Fischer aus der Umgebung ein spezielles Suchgerät. Die Konstruktion aus einem Holzbrett mit festen Schnüren und eisernen Haken wurde von Booten mit jeweils sechs bis acht Ruderern durchs Wasser gezogen. Die Haken wanderten in der Tiefe über den Grund um sich in der Kleidung des Verschollenen zu verfangen, sollte er dort unten liegen. Tagelang tasteten sie so den See ab, Stunde um Stunde, Meter um Meter. Doch die Haken blieben leer. Warum tauchte der Körper nicht wieder auf wie in Kriminalromanen und Filmen? Die Antwort liegt in den Gesetzen der Natur. Hat ein Ertrunkener relativ kurz vor dem Unglück gegessen, so beginnt der Mageninhalt Gase zu produzieren, ein Prozess, der den Körper nach einigen Tagen an die Oberfläche steigen lässt. Im Winter oder Frühjahr, wenn das Wasser noch eiskalt ist, verlangsamt sich dies oder bleibt gänzlich aus. Trägt das Opfer dazu noch warme Kleidung, die im Wasser schwer wird, kann die ihn nach unten ziehen. Was aber war geschehen? 
Die Familie hat eine Theorie. Rudolf Müller, der Schwager des Verschwundenen, ist selbst Fischer und war bei der Suche dabei. Er vermutet, dass das Unheil mit einem kleinen Missgeschick begann und von dort seinen Lauf nahm. Der Antriebspropeller des Motors hatte sich in einem Netz verfangen. Was wenn Bernwieser ihn aus dem Netz befreien wollte? Keine große Sache eigentlich. Er zog seine Handschuhe aus und setzte die Mütze ab um sich herunterzubeugen und mit den Händen ins Wasser zu greifen. Was wenn er dabei das Gleichgewicht verlor, ins Wasser stürzte und nicht mehr ins Boot zurückkam? 35 Meter ist der See tief an der Stelle, an der das Boot trieb. Johann Martin Bernwieser wurde niemals gefunden.

Versunken in Stürmen und Zeiten
„Am Donnerstag, den 1. Juli um ¾ 5 Uhr abends, nachdem schon längere Zeit drohende Gewitterwolken am Firmamente standen, die den Tag zur Nacht umwandelten, erbrauste plötzlich ein furchtbarer orkanartiger Sturm, der alles mitnahm, was nicht niet- und nagelfest war und die Luft mit atemhemmenden Staubmassen erfüllte.“ So beginnt ein Artikel der Lokalzeitung Land- und Seebote in der Ausgabe vom 4. Juli 1897 über ein Unwetter drei Tage zuvor. Der Raddampfer Wittelsbach war gerade mitten auf dem See unterwegs.
„Das Schiff neigte sich zur Seite, so dass das eine Geländer beinahe das Wasser berührte. […] Kapitän Doll, den der Sturm an das obere Geländer des Kapitänsplatzes warf, wäre wahrscheinlich verloren gewesen, wenn nicht Kassier Koppmair zu ihm gekrochen wäre und ihn aus der gefährlichen Lage befreit hätte. […] Niemand auf dem Schiffe konnte sich auf den Füßen halten und es war wahrscheinlich eine Fahrt auf Leben und Tod, bis man endlich in Tutzing landen konnte.“ So berichtet der Artikel weiter. Der Dampfer überstand das Unwetter, mindestens ein Boot aber versank im stürmischen See. Der Land- und Seebote notierte dazu:
„Der Schlepper des sog. Fischermichel von Ammerland war schwer mit Steinen beladen und ging während des Sturms, nachdem er sich noch mit Wasser gefüllt hatte, ungefähr 12 Meter vom Ufer entfernt, vor dem Neubau der Votivkirche in Berg unter, wo er noch steht und die Spitze des Mastes aus dem Wasser ragt.“
Die Familie Böck, Eigentümer des Fischermichelhofs, verlor über die Jahre tatsächlich zwei Frachtboote im See. Beide liegen noch als Wracks am Grund, doch keins davon vor der Votivkapelle. Das größere von beiden trägt den Namen Josephine. Vermutlich war es dieses, das im beschriebenen Sturm sank. Es liegt heute an der sogenannten Allmannshauser Steilwand in einer Tiefe von über 80 Metern. Das Wrack wird regelmäßig betaucht und wissenschaftlich beobachtet. Die Josephine konnte beachtliche 22 Tonnen Fracht aufnehmen und war damit zu ihrer Zeit der größte Transportkahn auf dem See. Sie beförderte Baumaterial unter anderem für die Seeburg in Allmannshausen und die Votivkapelle in Berg, aber auch Bierfässer. Das zweite verlorene Boot des Fischermichel ist heute unter dem Namen Schindelwrack bekannt. Das Boot war deutlich kleiner als die Josephine, doch liegt es heute näher an der im Artikel beschriebenen Stelle. Die Bezeichnung des Wracks kommt von seiner Fracht. Es sank vermutlich in den 1910er Jahren mit einer Ladung Schieferschindeln aus Wales. Bis heute stehen diese ordentlich aufgereiht auf dem Boot, 38 Meter unter der Wasseroberfläche vor der Gemeinde Berg. 
Deutlich vor dem Unwetter von 1897 versank ein Boot, das vor Bernried am Westufer des Sees entdeckt wurde. In 40 Metern Tiefe liegt dort ein über 400 Jahre alter Einbaum aus Eichenholz. Er ist aus einem Stamm geschnitzt, genau wie das knapp 3000 Jahre alte Boot, das einst vor der Roseninsel geborgen wurde und heute in der Archäologischen Staatssammlung in München verwahrt wird. Solche Bergungen sind sehr aufwändig, und daher verbleibt der Bernrieder Einbaum wohl als vermutlich ältestes Wrack zunächst im See.

Vorgeschichte unter Wasser
Die Roseninsel im Starnberger See ist vor allem für ihre königliche Geschichte bekannt. Sie war der Rückzugsort von Ludwig II., dem bayerischen Märchenkönig. Bereits dessen Vater Max II. ließ den idyllischen Park samt Casino und Rosengarten anlegen. Die kleine Insel und vor allem die Flachwasserbereiche um sie herum verbergen aber noch deutlich ältere Spuren der Vergangenheit. Palisadenreihen und Pfosten, Bauhölzer und Reste von Fundamenten liegen kurz unter der Wasseroberfläche. Sie zeugen von menschlichen Bauten vor Tausenden von Jahren. Unter Wasser vor Sauerstoff, Witterung und Erosion relativ geschützt, haben die Funde überdauert und sind erstaunlich gut erhalten. Aus diesem Grund ist der gesamte Bereich heute Teil einer UNESCO-Welterbestätte und als Bodendenkmal geschützt. Gemeinsam mit Resten einer Pfahlbausiedlung am gegenüberliegenden Seeufer vor Kempfenhausen sind die Bauhölzer an der Roseninsel der Beweis dafür, dass bereits in der Jungsteinzeit Menschen am Ufer des Starnberger Sees lebten. Auch Werkzeuge und Keramikscherben wurden im flachen Wasser gefunden, teilweise über 6.000 Jahre alt. So lange also nutzen Menschen die Insel bereits als Lebensraum, Treffpunkt oder kultischen Ort. 
Die Erforschung der Roseninsel und der sie umgebenden Unterwasserwelt begann früh. Bereits 1864/65 und noch einmal knapp zehn Jahre später ließ der Starnberger Landrichter Sigmund von Schab Grabungen und Tauchgänge vornehmen. Die Ergebnisse dokumentierte er in einem Buch samt Karte. Westlich der Roseninsel vermerkte er Bodenfunde, die sich als ausgedehnte bronzezeitliche Siedlungsspuren herausstellten. In deren Mitte wurde deutlich später ein knapp 13,5 Meter langer Einbaum aus dem Jahr 900 v. Chr. gefunden. Er gilt als das größte vorgeschichtliche Boot Mitteleuropas und ist eines der ältesten bekannten Wasserfahrzeuge Bayerns. Von Schab vermerkte auf seiner Karte auch die sogenannte obere und untere Brücke, Reste zweier Bauwerke aus dem Hochmittelalter, die die Insel mit dem Seeufer verbanden. Die auf dem Seeboden sichtbaren Hölzer aus verschiedenen Zeiten der Geschichte werden aktuell vom Deutschen Zentrum für Luft und Raumfahrt (DLR) im Rahmen des internationalen, von der EU geförderten, Forschungsprojekts TRIQUETRA dokumentiert. Ziel ist es, die Auswirkungen von Klimaveränderungen auf  Kulturerbe-stätten zu erkennen, einzuschätzen und abzumildern. Dafür wurden zwei Unterwasserbereiche im Nordosten und Südwesten der Roseninsel mit einem am DLR entwickelten, selbstfahrenden Wasserfahrzeug fotografiert und die Bodenfunde detailliert erfasst. Aus den hochauflösenden Bildern wurde ein exaktes 3D-Modell des Seebodens und der jahrtausendealten Hölzer und Spuren unter Wasser erstellt. Mit diesem können Archäologen die Bereiche untersuchen und vermessen, ohne tauchen zu müssen. Es ermöglicht einen Einblick in eine ansonsten verborgene Welt.

Zwei Reisende
Die neuseeländische Zwergdeckelschnecke ist nur drei bis vier Millimeter groß. Sie hat ein längliches, spiralförmig gedrehtes Schneckenhaus, das spitz zuläuft. Ihr Lebensraum ist das Süß- oder Brackwasser; den salzigen Ozean mag sie nicht. 
Vorzugsweise ernährt sie sich von Algen, daher gedeiht sie am besten in warmen, 
stehenden und nährstoffreichen Gewässern. Doch auch in Flüssen und Bächen und schließlich im Starnberger See ist das kleine Lebewesen zu Hause. Vor ungefähr 150 Jahren gelangte es nach Europa. Die lange Reise unternahm die Wasserschnecke nicht allein. Sie wurde von Menschen hierher verschleppt, im Ballast- oder Trinkwasser von Schiffen, die die Welt umsegelten. 
Einer, der mit einem solchen Schiff reiste, trug den Namen Heinrich Zimmermann. Er wurde 1741 nahe Heidelberg geboren und erlangte Bekanntheit durch ein Buch mit dem Titel Heinrich Zimmermanns Reise um die Welt mit Kapitän Cook. Vom kurfürstlichen Hofbuchhändler Christian Friedrich Schwan in Mannheim verlegt, sorgte
es für einigen Wirbel. Zunächst hatte Zimmermann Gürtler gelernt und ging mit 29 Jahren auf Wanderschaft. Den eigenen Lehrberuf verfolgte er wenig, arbeitete als Vergolder in Genf, als Glockengießer in Lyon, als Schwerdtfeger in Paris und als Zuckersieder in London. In England erfasste ihn die brennende Neugier, zur See zu fahren, und so heuerte er als Matrose auf einer Entdeckungsfahrt an. Es war Zufall,
dass er sich auf einem der beiden Schiffe wiederfand, die mit James Cook auf dessen dritte Weltreise gingen. Reisegrund war die Suche nach einer Durchfahrt nördlich des amerikanischen Kontinents, der sogenannten Nordwestpassage. 
Am 12. Juli 1776 liefen die Schiffe Resolution und Discovery aus, zunächst Richtung Kapstadt. Die Reise wurde lang und dramatisch. Im Januar 1779 kam Cook auf Hawaii in einem Streit mit Einheimischen zu Tode. Kurz darauf verstarb auch der Kapitän des zweiten Schiffs der kleinen Flotte. Die Fahrt wurde abgebrochen ohne ihr Ziel erreicht zu haben. Entgegen dem strengen Verbot der englischen Marine führte Zimmermann Tagebuch auf der Reise. Es gelang ihm, seine Notizen nach Bayern zu schmuggeln. Kurfürst Karl Theodor war entzückt von den Erlebnissen und Abenteuern Zimmermanns. Er berief ihn zu seinem Leibschiffmeister. Fortan kümmerte sich Zimmermann um die Boote des Fürstenhofs, darunter auch die Prunkschiffe am Starnberger See. Er überwachte den Unterhalt und Bau der Schiffe und die Ausbildung und Ausstattung der Matrosen. Obwohl Zimmermann viel am Starnberger See arbeitete, bezog er doch erst 1804 ein Häuschen hier in Starnberg. Damit erreichte er den See noch vor der Zwergdeckelschnecke, sie folgte einige Jahrzehnte später. Vielleicht aber reisten sie gemeinsam, denn am 12. Februar 1777 notierte Zimmermann in sein Tagebuch eine Landung in Neuseeland. Während die Schiffe vor Anker lagen, wurden Fässer mit Trinkwasser gefüllt. Es ist möglich, dass winzige Zergdeckelschnecken so auf Zimmermanns Schiff gelangten und mit ihm nach England reisten. In den Flussmündungen nahe der englischen Überseehäfen wurden sie wenig später erstmals in Europa entdeckt.

Ein Parasit des Kreislaufs
Der Starnberger See ist, wie alle Naturräume, ein großes Netzwerk von Wechselwirkungen und Nahrungsketten. Keine Pflanze und kein Tier lebten darin nur für sich; alle sind miteinander verbunden. Besonders deutlich wird das an sogenannten Parasiten, also Lebewesen, die sich in oder auf einem anderen ansiedeln, von diesem Nahrung beziehen und es meist auch schädigen. Mit bis zu 20 Metern Länge ist der Fischbandwurm der größte Parasit des Menschen. Einmal im menschlichen Körper hält er sich mit zwei Saugnäpfen an der Darmwand fest. Dort kann er jahrzehntelang leben, ohne entdeckt zu werden. Übertragen wird der Bandwurm durch Fische, daher der Name. Die Ansteckung erfolgt beim Essen von rohem oder nicht ganz durchgegartem Fischfleisch. Bis zur Mitte des 20. Jhd. kam der Fischbandwurm auch hier am Starnberger See vor, wie ein Eintrag in einem historischen medizinischen Leitfaden belegt. Weiter zurück in der Menschheitsgeschichte war ein Befall
wohl ein häufiges Leiden. Aus urzeitlichen Pfahlbausiedlungen am Bodensee gibt es erhaltene menschliche Ausscheidungen, in denen Eier des Parasiten nachgewiesen wurden. Solche Eier sind es, mit denen der Kreislauf beginnt. Sie gelangen ins Wasser. Nach drei bis vier Wochen schlüpft aus ihnen eine Larve. Diese kann sich selbst durchs Wasser fortbewegen und lockt kleine Krebse an, von denen sie gefressen wird. Im Darm des Krebses hält sich die Larve mit sechs winzigen, dornenähnlichen Haken fest. Sie wächst heran und entwickelt sich. Wird der Krebs von einem Fisch gefressen, nimmt dieser auch die Larve mit auf. Diese durchdringt die Darmwand des Fisches und nistet sich im Muskelgewebe ein. Wird nun wiederum der Fisch von einem Menschen roh gegessen, gelangt die Larve in dessen Körper. Sie wächst im Darm zu einem ausgewachsenen Bandwurm. Dieser legt Eier, die ausgeschieden werden und den Kreislauf von neuem beginnen. 
Dass der Fischbandwurm im Starnberger See heute nicht mehr vorkommt, liegt auch am sogenannten Ringkanal. Ab 1971 wurde in mehreren Abschnitten ein Kanal gebaut, der alle Abwässer um den See herum zu einer zentralen Kläranlage führt. Die Röhren des Systems liegen am Ost- und am Westufer und verlaufen zwischen Tutzing und Garatshausen sogar durch den See – tief unter Wasser über den Seegrund.

Eduardo Palomares
DEEP BLUE & TETHYS
Eduardo Palomares wurde 1992 in Madrid geboren. Er studierte an der Akademie der Bildenden Künste München und beschäftigt sich in seiner künstlerischen Arbeit mit geologischen Vorgängen, Kreisläufen und Verwandlungen. Salz ist ein wiederkehrender Bestandteil seiner Kunstwerke. In den Gemälden der Deep Blue-Serie nutzt er es zum Malen. Gemeinsam mit einem tiefen Blau und einem klaren Weiß erwecken die Kristalle den Eindruck einer Luftaufnahme einer Meereslandschaft. In Anlehnung an diese Anmutung überließ der Künstler das Werk vor der Ausstellung dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt zur Untersuchung. Als wäre es ein Satellitenbild, berechneten die Wissenschaftler in zwei verschiedenen Methoden die Wassertiefe, die der Ozean im Kunstwerk hätte, wenn er tatsächlich einer wäre.
Die Installation TETHYS besteht aus Sand und Schlamm vom Grund des Starnberger Sees. Sie ähnelt einer Landschaft. Eine Wölbung umschließt ein kleines Tal in der Mitte, das sich nach einer Seite öffnet. Die Form erinnert an einen Abdruck, etwa an den eines Wracks, oder jenes Gletschers, der einst den See und die Hügel ringsherum erschuf. In der Mitte liegt ein Berg aus Salz. Dieser verändert sich stetig, denn er ist über einen Kunststoffschlauch, Kupferrohre und Pumpen mit einer Wasserwanne verbunden. Die Feuchtigkeit löst das Salz und lässt Kristalle wachsen. Der Seegrund wird Stück für Stück mit einer Salzkruste überzogen. Benannt ist die Installation nach dem Urozean Tethys, der einst die Alpen bedeckte. Fossilien belegen noch heute, dass die Berge einmal Teil eines Meeres waren.

Anna Pasco Bolta
PERMEABLE BOUNDARIES & SCHMELZSUPPE ISAR-LOISACH
Anna Pasco Bolta wurde 1990 in Barcelona geboren. Sie studierte an der Akademie der Bildenden Künste München und arbeitet in sehr verschiedenen Ausdrucksformen. Ihre Werke sind verbunden durch das Interesse der Künstlerin an den Wegen und Techniken, in denen Menschen sich ihre Umwelt erschließen. So berührt sie in ihrer Arbeit sowohl Forschung und Wissenschaft als auch Überlieferungen und Traditionen. In der Serie PERMEABLE BOUNDARIES (deutsch: Durchlässige Grenzen) verbinden und verzweigen sich Linien wie biologische oder geologische Formen auf runden Plexiglasplatten, die an vergrößerte Petrischalen aus naturwissenschaftlichen Laboren erinnern. 
— Für die Ausstellung Unter Wasser entwickelte Pasco Bolta ein Kunstwerk, in dessen Zentrum eine Fischsuppe steht. Die Suppe ist eine Kreation der Künstlerin in Zusammenarbeit mit einer Fischerin aus einer Fischerfamilie vom Starnberger See. Der Titel SCHMELZSUPPE ISAR-LOISACH verweist auf den Isar-Loisach-Gletscher, der den Starnberger See einst formte. Zur Eröffnung wurde die Suppe zubereitet und ausgeschenkt. In der Ausstellung ist sie durch ihr Rezept sowie eine Zeichnung einer Renke und eine Serie von Gefäßen präsent, die Pasco Bolta als Teil ihres Werks fertigte.

SCHMELZSUPPE ISAR-LOISACH
Geh ans am Ufer des Starnberger Sees und blicke in den Himmel. Tauche dabei deine Füße ins Wasser und lass die Eisspur in dir aufsteigen, bis du eine Gänsehaut bekommst. Nimm (mit einem Topf oder eine Flasche) etwas Wasser aus dem See. Tauche noch einmal tiefer ein und suche dir einen Stein aus. Einen, der nicht rau ist. Einen, der gut in deinen Mund passt. Einen, den du mit der Zunge gut im Mund bewegen kannst.
Besuche dann den Fischer deines Vertrauens und kauf eine Renke. Nimm eine mit einem überraschten, aber dennoch lächelnden Gesichtsausdruck. 
Auf dem Weg zur Küche sammelst du acht verschiedene Kräuter. Wasche sie und schneide sie so fein wie Sandkörner. Schlage die Butter schaumig, gib die Kräuter hinzu und vermische alles gut. Forme eine Rolle, wickle sie in Papier und lege sie in den Kühlschrank. Wasche den Stein und sage ihm, wie du dich heute fühlst.
Bringe das Wasser fünf Minuten lang zum Kochen. In der Zwischenzeit hacke die Nüsse fein. Gib die Fish-Fond und den Stein hinzu und rühre sie um. Füge das Seeigelfleisch oder der Tintenfischmilz dazu und rühre erneut um. Gibt die in vier Stücke geschnittenen Tomaten hinzu und rühre wieder um. Mit Salz und Pfeffer würzen und rühre weiter um.
Erinnere dich 10 Minuten lang an das Gefühl deiner nassen Füße. Hole die Butter aus dem Kühlschrank und lecke sie ab. Schneide die Renke in Würfel und brate sie in etwas Öl an.  Sieb die Suppe ab und halte sie warm. Schneide ein Stück Brot ab, röste es und bestreiche es mit der Kräuterbutter.
Serviere die Suppe mit einem Stein, einem Würfel Renke, Brot und Butter.

Zutaten
(für 4 Personen)
400 ml Starnbergersee Wasser
4 Starnbergersee Steine
2,5 g Mandeln
2,5 g Haselnüsse
400 ml Fish-Fond
1 Tomate
1 Renke
5 g Seeigel-Fleisch oder Tintenfischmilz
1 EL Anis
1 Scheibe Brot
Kräuter Butter
Salz
Pfeffer
Olivenöl